Ein Stall zum Wohlfühlen

Um ihre  Milchproduktion zu zentralisieren und damit wirtschaftlicher zu machen, hat die Peeneland Agrar GmbH Hohendorf bei Wolgast (Vorpommern-Greifswald) eine neue Milchviehanlage gebaut. Zudem stattete die Agrargesellschaft den Stall „besonders tiergerecht“ aus. Denn nur Kühe, die sich wohlfühlen, bringen die höchstmögliche Milchleistung.Luft, Licht, Platz
Zuerst fällt auf, wie hell es unter den beiden gelben, halbrunden Foliendächern der Milchvieh­anlage Zarnitz bei Wolgast ist. In elf Meter Höhe überspannen sie zwei 150 Meter lange und 16 Meter breite Laufställe mit Liegeboxen für insgesamt etwa 500 Milchkühe. „Luft, Licht, Platz. Daran darf es nicht mangeln“, nennt Landwirt Philipp Kowolik (28) die Hauptkriterien für den Bau der neuen Ställe. Der junge Leiter der Milchviehanlage der Peeneland Agrar GmbH zeigt auf eine braunweiße Kuh, die neben ihm in aller Ruhe die Silage vom Futtergang frisst. „Diese hier beispielsweise hatte im alten, niedrigen Stall immer gekränkelt. Seit sie hier ist, blüht sie richtig auf. Ihre Milchleistung hat sich deutlich verbessert.“ 

Bernard und Philipp Kowolik wollen mit einem besonders tiergerechten Stall die Milchproduktion wirtschaftlicher machen

Wegfall der Milchquote vorbereiten
Gegenwärtig überlegen die Milchbauern des Landes, ob sie ihre Milchproduktion weiterführen. Denn ab 2015 werden die Milchquoten fallen und viele befürchten dann einen Preisfall für gelieferte Milch. Die Hohendorfer Agrargesellschaft entschied sich 2008 dafür. „Voraussetzung aber ist, dass wir uns bereits heute auf die Bedingungen ab 2015 einstellen“, sagt Geschäftsführer Bernard Kowolik (55). „Das erfordert, mehr Milch und diese dazu noch mit geringeren Kosten zu produzieren.“ Deshalb beschloss er, den Kuhbestand bis 2014 auf etwa 1000 Tiere zu verdoppeln und seine gesamte Milchproduktion auf einen Standort zu konzentrieren. Trotzdem sollten die Kühe Bedingungen vorfinden, die möglichst nahe dem natürlichen Leben der Tierart kommen. Denn der Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden der Kühe und ihrer Milchleistung ist bei den Milchbauern unbestritten.

Wie unter freiem Himmel
Zwei Jahre lang sichtete Kowolik, was es diesbezüglich heute auf dem Markt gibt. Zusammen mit seinem Sohn Philipp, der gerade sein Studium an der Uni Göttingen abgeschlossen hatte, fuhr er durch Deutschland und ins Ausland. Am Ende entschieden sie sich beispielsweise für die ursprünglich in Kanada entwickelten Dächer mit der lichtdurchlässigen Folie. „Vor allem bieten sie viel Raumvolumen. Das ist wichtiger als Quadratmeter Fläche pro Tier“, sagt Bauingenieur Torsten Zacher (43) von der NBS (Norddeutsche Bauernsiedlung GmbH) Prenzlau, der den Bau betreute. „Die Tiere leben faktisch wie unter freiem Himmel. Und die Schlitze im Dach sorgen zusammen mit den offenen Seitenwänden für eine Thermik, die trockene und kühle Luft auch an heißen Sommertagen gewährleistet. Und das ohne Zugluft infolge der sonst erforderlichen Lüfter.“

Ebenfalls nicht gespart wurde an den Liegeplätzen. „Die bieten Superkomfort“, sagt Kowolik stolz. Kühe ruhen fast die Hälfte des Tages. Das begünstigt das Widerkäuen und damit die Futterverwertung. In Zarnitz sind die Liegeflächen größer als für eine Genehmigung erforderlich und haben eine feste Strohmatratze. Die Trennbügel sind aus warmen, weichen Holz und beweglich. Auch die Nackenbügel geben nach und unterstützen so das Aufstehen der Kühe, die sich immer zuerst mit den Hinterbeinen aufrichten. „Insgesamt erfüllt die Anlage die Kriterien einer besonders tiergerechten Haltung“, sagt Zacher. 

Wann sind Ställe „besonders tiergerecht“?
Laut Landesrichtlinie zur Förderung von Investitionen in der landwirtschaftlichen Produktion nach dem Agrarinvestitionsförderprogramm (AFP) vom 12.9.2007 gelten Investitionen in Laufställe für Milchvieh baulich als „besonders tiergerecht“, wenn sie folgende Anforderungen erfüllen:

  • mindestens fünf Prozent tageslichtdurchlässige Flächen
  • der Fressplatz muss gewährleisten, dass alle Tiere gleichzeitig fressen können
  •  jedem Tier muss eine Liegebox zur Verfügung stehen
  • die nutzbare Stallfläche muss mindestens fünf Quadratmeter je Kuh betragen
  • die Laufgänge müssen so breit sein, dass sich die Tiere stressfrei begegnen können
  • Liegeplätze müssen mit trockener Einstreu versehen werden können.

Das brachte der Agrargesellschaft eine fünf Prozent erhöhte Förderung der Drei-Millionen-Investition. „Aber die höhere Förderung war nicht ausschlaggebend“, versichert Kowolik. Die Ausgaben für die „besonders artgerechte Tierhaltung“ seien höher.


Gläsernes Melkhaus
Zur Gesamtanlage gehört neben den beiden Ställen auch ein neues Melkhaus. Das darin befindliche Melkkarussell wurde in Irland entwickelt und gewährleistet einen Durchsatz von 250 Tieren in der Stunde. Über dem Melkkarussell befindet sich übrigens eine Plattform, von der Besucher hinter Glas das Melken beobachten können. „Wir werden gläsern sein“, verspricht Philipp Kowolik. „Die Leute werden sehen, dass sich die Kühe auch in Anlagen wohlfühlen können, die neuerdings als Agrarfabriken bezeichnet werden.“

 

 

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Kommentare

Ein Stall zum Wohlfühlen — 1 Kommentar

  1. ergänzender Hinweis:
    Eine Stallhaltung ist dann tiergerecht, wenn sie den Nutztieren trotz Einschränkung der Bewegungsfreiheit weitgehend arttypische Verhaltensweisen erlaubt. Und zwar ausgehend von der Biologie der Tiere und nicht vom menschlichen Empfinden. (siehe Definition der Tierschutzakademie Anm. Leider nach Relaunch der Site des Tierschutzbundes nicht mehr vorhanden). Hier habe ich in Vorbereitung der Recherche vor Ort eine schöne Auflistung gefunden, die eine artgerechte Haltung von Kühen beschreibt.

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