Wenn Zucht zur Qual wird

Massentierhaltung

Foto: Joujou /pixelio.de

Die Saarbrücker Zeitung offerierte heute die Ergebnisse einer Studie eines Professors für Ökologische Tierhaltung mit der Schlagzeile

Nutztiere leiden immer stärker unter Hochleistungszüchtung – Grüne kritisieren landwirtschaftliche Praxis.

Die Überschrift ist zwar wie heute üblich skandalträchtig übertrieben, denn Professor Bernhard Hörning hat m.E. lediglich nachgewiesen, dass die Hochleistungszucht die Tiere krank macht und nicht „immer stärker“. Aber die Grundaussage ist schlimm genug. Auch ich habe mich angesichts der Euter, die die 10.000-Liter-Kühe mit sich rumschleppen, schon gefragt, ob das den armen Tieren noch zuzumuten ist.
Update 15.8.: Hier die Studie via Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen. Interessanterweise erst einen Tag nach Presseveröffentlichung …

Wahlkampf gegen Massentierhaltung

Die Kernaussage ist nicht neu. Bereits 2011 hatte Hörning einen Vortrag mit gleicher Schlussfolgerung veröffentlicht. Wenn ich die Zahlen im Artikel der Saarbrücker Zeitung mit den im Vortrag vergleiche, kommt mir sogar der Verdacht, dass es sich bei der Studie um den Vortrag handelt. Den hatte er auf einem „Fachgespräch“ der Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen am 23. Mai 2011 gehalten. Da frage ich mich nun, warum er noch einmal den Auftrag für eine Studie erhielt. Denn die Aussage war ja von vorherein klar. Bereiten die Grünen eine Gesetzesinitiative zur Begrenzung der Zucht unter dem Aspekt des Tierschutzes auch bei Nutztieren vor? Nötig wäre es. Ich befürchte jedoch, die überziehen wieder und wollen im Wahlkampf nur eine pauschale Verurteilung der modernen Tierhaltung. Schließlich haben sie den Kampf gegen die „Massentierhaltung“ zum Wahlkampfthema Nummer 2 erkoren (nach dem Kampf für Erneuerbare Energien). Der agrarpolitische Grünen-Sprecher Friedrich Ostendorff reagierte in seiner Stellungnahme gegenüber der Saarbrücker Zeitung entsprechend: „Die industrielle Landwirtschaft züchtet kranke Tiere.“

Damit unterschlagen die Grünen (zumindest die Leute um Ostendorff) erneut, warum die Tierhaltung sich industrialisierte. Ursache ist der Kostendruck der Marktwirtschaft. Statt also erneut die Bauern an den öffentlichen Pranger zu stellen, müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert werden.

Bauernverband will Probleme ignorieren

Update 15.08.: Der Bauernverband hat sofort reagiert. Auch Generalsekretär Helmut Born sieht einen Zusammenhang zur Bundestagswahl: Pressemitteilung. Leider wird aber auch deutlich, dass der Bauernverband die in der Studie aufgeführen Probleme der Intensivhaltung ignorieren will. Er bezweifelt die Wissenschaftlichkeit der Studie. Überlegungen, wie die Tiergesundheit besser in die „gute fachliche Praxis“ integriert werden könnte, bleiben aus. Professor Hörning brachte beispielsweise den Vorschlag, als Kriterium für die Zuchtwahl statt auf die kurzfristige Maximalleistung mehr auf die Gesamtlebensleistung zu sehen. Allerdings habe ich das beim Schweinezuchtverbandes in Mecklenburg-Vorpommern bereits erlebt. Bei einer Eberkörung war die genetisch angelegte Lebensleistung bereits ein entscheidendes Kriterium für die Zulassung zur Zucht. Sie wurde sogar höher bewertet als die tägliche Fleischzunahme.

Für die Bauern, denen das Wohl ihrer Tiere am Herzen liegt, stellt sich damit die Frage, wie sie zugunsten der Tiergesundheit auf Maximalleistung verzichten könnten, ohne die Existenz des Landwirtschaftsbetriebes zu gefährden. Selbst Hörning meint in der Studie, dass ein freiwilliger Verzicht der Landwirte auf Zuchthöchstleistung auf Grund der Marktgesetze unrealistisch wäre. Er schreibt, dass ein Verzicht honoriert werden müsse. So funktioniert ja auch die ganze Öko-Schiene des Herrn Ostendorff. Aber ich glaube, das funktioniert nur, solange der Ökolandbau eine Nische ist. Auf die gesamte Nutztierhaltung ist das nicht übertragbar. Um so mehr ziehe ich meinen Hut vor Leuten, die das auch innerhalb der gescholtenen, aber notwendigen „Massentierhaltung“ wagen.

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Kommentare

Wenn Zucht zur Qual wird — 3 Kommentare

  1. Auch der Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Bundestag, Hans-Michael Goldmann (FDP) hat sich zu Wort gemeldet: Pressemitteilung. Er sieht es im Wesentlichen ähnlich wie der Bauernverband. Interessant seine Schlussfolgerung:

    „Die Tiergesundheit muss an die erste Stelle der Selektionskriterien rücken.“

    Wie das Qualzuchtverbot im Tierschutzgesetz seine „intendierte Wirkung“ (Wortlaut von Goldmann) entfaltet, ist mir jedoch schleierhaft.

    Update:22.12.2013: Mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag ist die Seite offensichtlich abgeschaltet. Von wegen “das Internet vergisst nichts“.

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